WORT

November 2018 (32. Sonntag im Jahreskreis)

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus (Mk 12, 38-44)

In jener Zeit lehrte Jesus eine große Menschenmenge und sagte:
Nehmt euch in acht vor den Schriftgelehrten!
Sie gehen gern in langen Gewändern umher,
lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt,
und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze
und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.
Sie bringen die Witwen um ihre Häuser
und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete.
Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.
Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß,
sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen.
Viele Reiche kamen und gaben viel.
Da kam auch eine arme Witwe
und warf zwei kleine Münzen hinein.
Er rief seine Jünger zu sich und sagte:
Amen, ich sage euch:
Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen
als alle andern.
Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluß hergegeben;
diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat,
sie hat alles gegeben, was sie besaß,
ihren ganzen Lebensunterhalt.

Auslegung

Vordergründig meinen wir das sofort zu verstehen: Die arme Witwe hat mit ihren kleinen Münzen alles, was sie besaß, gegeben und damit mehr als die große Münze der Besitzenden, die von ihrem Überfluss geben – denen es nicht weh tut. Wenn die ihre Spende wirkungsvoll in den Kasten klingeln lassen – nach dem Motto „tue Gutes und sprich darüber“ – dann tut es ihnen nicht nur nicht weh, sondern bringt sogar etwas ein an Anerkennung, Gunst, sogar Gewinn, der größer ist als das Opfer.

Ich mag das gar nicht negativ oder moralisierend bewerten, denn es wird viel Gutes ermöglicht durch wirksames Sponsoring für soziale Werke und Einrichtungen, zusätzlicher Bedarf gedeckt, vielleicht sogar Not gelindert. Wenn Bill Gates jetzt einen Teil seines Vermögens für die weltweite Verbreitung einer wasserlosen Toilette investiert und damit Infektionen und Erkrankungen in den ärmsten Ländern vorbeugt, ist das eine phantastische Sache. Mancher Konzern leistet sich sogar eine Mitarbeiterstelle für „fundraising“ – also gezieltes Fischen nach Spendern und Sponsoren, die finanzieren sollen, wofür Betriebseinnahmen und öffentliche Gelder nicht reichen.

Aber dem heutigen Evangelium geht es um etwas völlig anderes.

Ihm geht es um nichts Geringeres als um das Herannahen des Reiches Gottes: Das Erscheinen des göttlichen Lichts in der Finsternis der menschlichen Qualen. In der Welt der ewigen Wiederkehr von Unterdrückung, Lüge und Betrug durch die Mächtigen, die falschen Schöpfer und scheinbaren Besitzer der Wirklichkeit. Der eigenen Selbsttäuschung.

Jesus zielt nicht darauf ab, dass Arme ihre letzte Habe den noch Ärmeren geben sollen. Sondern es ist grundlegend falsch, dass es Menschen gibt, die die Erde und das Leben an sich reißen und solche, die kaum überleben können.

Der Anbruch des Reiches Gottes – oder nennen wir es das Erscheinen des göttlichen Bereiches, das Aufleuchten göttlichen Bewusstseins, der Durchbruch absoluten Lebens – gegen eine festzementierte Herrschaft der Gott-Losen, derer, die das Leben nicht erkennen und nicht lieben, für die nur Macht und Reichtum, Ansehen und Ruhm zählen, um anzusammeln, gierig zu vermehren und alle Gegner zu entmündigen und notfalls zu vernichten.

Das gibt mir einen Stich. Denn ich sehe: Das ist unser Problem, unsere Welt. Ich sehe es deutlicher denn je.

Erleben wir nicht – weltweit – wieder eine große Rückwärtsbewegung gegen das Leben? Gegen ein erwachtes Umweltbewusstsein, gegen die Freiheit des Gewissens, gegen die Menschenrechte, gegen die Natur, gegen den Glauben?

Welche Rolle spielt dabei die Religion? Sie wird entweder instrumentalisiert zur Verfestigung der Machtverhältnisse – oder als Rechtfertigung für Terror.

Das ist es, was Jesus zur Rage bringt – und ihn letztlich das Leben kostet: dass die Vertreter seines Vaters, des lebendigen Gottes und Schöpfers, welche die Verkünder des Befreiungsgottes Israels sein sollen, der Versuchung der Macht unterlegen. Die Priesterklasse hat sich selbst an die Stelle des Heiligen gesetzt. Sie betrachten sich als die einzig legitimen Vermittler der Gnade Gottes und lassen sich dafür bezahlen und unter großem Brimborium verehren und – sie glauben noch selbst daran.

Sie, die den Menschen die Gewissheit der Liebe Gottes geben sollen, sie aufwerten und mit Selbstbewusstsein ausstatten sollten, ihnen eine gute Lehre, Wissen und Bildung vermitteln sollen, damit sie ihre besten Fähigkeiten in das Leben der Gesellschaft einbringen können, misshandeln und missbrauchen sie in ihren Schulen und Internaten. Sie erhalten Steuern und erheben noch Gebühren, beerben die Witwen und verkaufen deren Habe. Sie kooperieren mit der Besatzungsmacht und autoritären politischen Regenten. Die Kräfte, die im Sinne Jesu ermahnen und Widerstand leisten werden verleumdet und mundtot gemacht, sogar verfolgt, inhaftiert, getötet. Deshalb sieht Jesus die Schriftgelehrten und Priester als gefährlich, destruktiv und teuflisch an.

Nicht die Ungläubigen, die Fremden, die Prostituierten, die Steuerhinterzieher, selbst Mörder, die bekannten Sünder prangert er an oder verabreicht ihnen die Moralkeule, sondern mit denen speist er und denen stellt er das Paradies in Aussicht. Und so erkennen sie in ihm den Gott des Lebens und des Erbarmens.

Diese arme Witwe ist einfach und ohne Erwartungen an Gott. Ihm verdankt sie ihr Leben und ihm gibt sie es zurück. Sie ist zu unbedeutend, um in Konflikt mit der Macht und ihren Vertretern zu geraten. Die interessieren sich nicht für sie. Sicherheit und Schutz hat sie als Ärmste der Gesellschaft ohnehin nicht und Ansehen schon gar nicht. So sind die kleinen armen Frauen im Dorf und in der Stadt, die keiner sieht, gestern und heute. Sie legt ihre letzten kleinen Münzen in den Korb, das ist für sie recht und billig.

Jesus erhebt sie zur Vertreterin und Symbolfigur des lebendigen Glaubens gegenüber der mächtigen aber toten und tödlichen Religion.

Martin Luther übersetzt „kleine Münzen“ mit „Scherflein“. Das Scherflein war eine seit 1480 in Erfurt geprägte Kleinstmünze. Mit diesem Geld aus der Zeit der Bibelübersetzung hat Luther das im Evangelium Gemeinte gut übersetzt. Der Evangelist Markus vergleicht eine arme Frau an der Sammelbüchse mit protzigen reichen Spendern: „Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.“ (Mk. 12,42). Die auf Aramäisch … Peruta, auf griechisch Lepton genannten Münzen waren das Mickrigste, was es gab. Es war übrig gebliebenes jüdisches Kleingeld, das vor der römischen Herrschaft in Palästina geprägt worden war. Die Bronzemünzen stammten aus der Zeit jüdischer Herrscher zwischen 169 und 63 vor Christus. Dass es nicht das Besatzergeld mit dem Bildnis des als Gott verehrten römischen Kaisers war, hat die Münze für Jesus passend erscheinen lassen. Wenn wir heute unser Scherflein beitragen, geht es nur um einen kleinen Beitrag. Aber der biblische Sinn ist anders: Dort bedeutet es, bis an die Grenzen der eigenen Möglichkeiten zu gehen. Also Vorsicht, wenn man sein Scherflein verspricht! *)

Aus diesem Zitat (Stuttgarter Zeitung) wird noch einmal deutlich, dass es in Gottes Augen nicht um die Größenordnung einer Spende geht, sondern um die Hingabe des Lebens, unseres Herzens, wie wir immer noch gerne sagen. Die Frau betritt den Tempel, weil sie keinen Zweifel hat, hier Gott in seinem Haus zu begegnen. Und dem wird Gott sich nicht entziehen. Denn sein Herz ist bei den Witwen und Waisen und denen die zerbrochenen Herzens sind. Sie sind sein Augapfel, ER SELBST wie er sich zu erkennen gibt. Und dessen können sich alle die Unzähligen sicher sein, die gestern und heute Kirchen und Tempel betreten, um einfach Gott nahe zu sein. Er sieht auf das Herz und auf nichts sonst, denn dort wohnt Er bereits von Ewigkeit. Lassen sie uns in dieser Kirche, in diesem Tempel, in dieser Moschee, in dieser Synagoge, oder im Wald oder auf dem Felsen oder in unserem Wohnzimmer mit ganzem und freiem Herzen Ihm entgegen gehen. Im Wissen, dass wir nichts haben, das wir ihm nicht verdanken – und wir sind in ihm und mit ihm und er in uns – und keiner kann uns das verbieten oder Bedingungen auferlegen. Amen.

*) http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1275679

Dezember 2017 (2. Sonntag im Advent)

Lesung vom zweiten Adventssonntag
2 Petr 3,8-14
Das eine, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen:
daß beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre
und tausend Jahre wie ein Tag sind.
Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung,
wie einige meinen, die von Verzögerung reden;
er ist nur geduldig mit euch,
weil er nicht will, daß jemand zugrunde geht,
sondern daß alle sich bekehren.
Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb.
Dann wird der Himmel prasselnd vergehen,
die Elemente werden verbrannt und aufgelöst,
die Erde und alles, was auf ihr ist, werden nicht mehr gefunden.
Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst:
wie heilig und fromm müßt ihr dann leben,
den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen!
An jenem Tag wird sich der Himmel im Feuer auflösen,
und die Elemente werden im Brand zerschmelzen.
Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß,
einen neuen Himmel und eine neue Erde,
in denen die Gerechtigkeit wohnt.

Evangelium vom zweiten Adventssonntag
Mk 1,1-8
Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: 
Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht:
Ich sende meinen Boten vor dir her;
er soll den Weg für dich bahnen.
Eine Stimme ruft in der Wüste:
Bereitet dem Herrn den Weg!
Ebnet ihm die Straßen!
So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf
und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.
Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus;
sie bekannten ihre Sünden
und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren
und einen ledernen Gürtel um seine Hüften,
und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.
Er verkündete:
Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich;
ich bin es nicht wert,
mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.
Ich habe euch nur mit Wasser getauft,
er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Betrachtung

Das Warten hatten die noch aus jüdischer Tradition kommenden Christen gelernt. Warten auf die Verheißungen des Mose, der sie aus der ägyptischen Sklaverei geführt hatte. Warten auf die Erlösung von den Assyrern, aus dem babylonischen Exil. Auch diese neue Sekte der Christen, die an Jeschua, den Wanderprediger und Wunderheiler aus Nazareth glaubt, den sie als den Messias erkannt hatte, wird auf die Probe gestellt.

Kein Deus ex machina erschien, den die Griechen damals in ihren Tragödien mechanisch und mit Getöse aus den Kulissen hervortreten ließen, wenn das Chaos, die Verwirrungen und Verwerfungen der Menschen unauflösbar waren. Die triumphale Wiederkehr des Christus in Macht und Herrlichkeit, das Ende der Verfolgungen und Demütigungen, die Offenbarung vor der Menschheit – noch zu ihren Lebzeiten – sie kam nicht. Die Jahre vergingen, die ersten starben und die Zweifel nahmen zu.

Das war schwer erträglich und der unerschütterliche Glaubens-Felsen Petrus musste in seinem Brief an die Gemeinde seinen eigenen Blick und den der Christen erweitern und es eröffnete sich ihnen die eschatologische Dimension, eine endzeitliche Vision von der Vollendung des Menschseins und der Welt.

Sie mussten hinaustreten aus den Kulissen des Zeitalters, welche die Menschen umgeben, so wie sie sich Pfingsten aus dem Saal hinauswagten vor die Menschenmenge:

Aus den Heilserwartungen einer national-diesseitigen Befreiung durch Wiederkehr eines heiligen Königs, der das neue Reich errichtet, wie Judentum und frühes Christentum sie noch hegten.

Auch aus den Kulissen einer schwarz-weißen Frömmigkeit, die Christus quasi herbei-zwingen will, durch heiligmäßiges und tadelloses Leben. Solche Entwicklungen vollzogen übrigens Judentum und Christentum durchaus parallell. Noch heute sind sich chassidische Juden sicher, dass der Messias sofort kommt, wenn alle nur einmal den Sabbat so feiern würden, wie das Gesetz es vorschreibt. Und noch bis in unsere Tage glauben evangelikale Christen ernsthaft, dass sie schon vor ihrem Tod in die Luft entrückt würden, Jesus entgegen, dass sie deshalb jeden Tag ohne Fehler und Sünde leben möchten, sozusagen leicht genug, um ihm entgegen rücken zu können.

Heute schauen wir auf 2000 Jahre christliche Heilserwartung und Heils-enttäuschung zurück. Nichts ist so geschehen wie erwartet und gewünscht. Wir haben viel gelernt, besser, wir könnten viel gelernt haben, wenn wir die Sprache Gottes im Diesseits, der Natur, der Evolution, der sozialen Evolution verstehen würden.

Wenn 1000 Jahre ein Tag sind, so wäre noch nicht viel Zeit vergangen. Und wir haben es heute selbst in der Hand, ob der Himmel prasselnd vergeht, die Elemente schmelzen, die Erde nicht mehr gefunden wird. Die Apokalypse lässt sich herbeiführen und für viele Völker und Personen ist die Apokalypse Erfahrung, in der Vergangenheit, heute und immer wieder. Es genügt, die Nachrichten anzusehen.

Liebe Schwestern und Brüder: So wie die Apokalypse ist aber auch das Reich Gottes nahe herbei gekommen. Auch ein neuer Himmel und eine neue Erde lassen sich herbeiführen, sind im irdischen Sinne möglich. Sie warten in jedem von uns auf ihre Verwirklichung. Tatsächlich ist das Reich Gottes inwendig in uns – aber – Geheimnis des Bösen – immer scheinen wir eher auf die Vernichtung zuzugehen. Muss tatsächlich die alte Schöpfung erst krachend vergehen, bevor ein neuer Himmel und ein neue Erde kommen, in der Gerechtigkeit wohnt?

Wir sollten aufatmen, weil erst 2000 Jahre vergangen sind und sich der Menschheit noch zahllose Chancen bieten können, aus der Welt einen Ort der Gerechtigkeit, des Lebens, des Friedens und nicht der Hölle und des Todes werden zu lassen.

Wieder fragen wir uns am 2. Advent: Was ist Gottes Plan? Er gibt uns zwar sein Wort, aber wir sind gefordert, es immer neu zu befragen, neu zu deuten, neu zu erforschen. Petrus hatte den Mut aufbringen müssen, die Sicht der Damaligen zu enttäuschen und zu erweitern. Der Ewige lässt sich nicht in unsere zeitgebundenen Vorstellungen packen. Und die Kulissen der Geschichte werden verschoben, immer wieder. In neuen Zeiten, Räumen und geschichtlichen Wirklichkeiten klingen die Worte der Heiligen Schriften immer wieder anders.

Das Christentum hatte sich in vergangen Jahrhunderten großen Herausforderungen zu stellen wie der Naturwissenschaft und deren Unabhängigkeit im Forschen und Lehren, die übrigens ein Kirchenvater, der Scholastiker Thomas von Aquin gefordert und begründet hat. Bis heute tun sich Vertreter des Christentums schwer mit der Evolution. Mit der Genforschung. Mit der Psychoanalyse. Manche sehen Angriffe auf christliche Lehrinhalte, Dogmen, auf Fundamente der christlichen Tradition.

Wer aber angstfrei, aus dem Wissen um die Heiligkeit und Unzerstörbarkeit des Lebens heraus denkt, beobachtet, mit-forscht und mit-staunt, der erfährt mit großer Dankbarkeit und Ehrfurcht immer neue Wunder der Schöpfung und erkennt heute mehr denn je die Natur als Sprache Gottes, in ihren gewaltigen bekannten und noch verborgenen Gesetzen, ihrer Schönheit und schöpferischen Vielgestaltigkeit. Das LEBEN, von dem die Schriften sprechen, platzt aus allen Nähten, ist omnipräsent, rauscht durch alle Adern und Nervenbahnen, in allen Zellen und Organen so wie in allen Bächen, Flüssen und Meeren, in Steinen, Pflanzen und Tieren. Es ist das Gesetz des Herrn, das ihnen allen die Dynamik gibt, das Woher und Wohin sagt, der Sinn und die Schönheit. Es wartet auf unser Amen und unser Handeln in seinem SINN.

Kommt uns nicht Christus, der Lebendige, aus all dem entgegen: Aus den Tiefen des Kosmos, dessen wahre Beschaffenheit die Kirche immer wieder nicht wahr haben wollte von Galilei bis Einstein. Aus den Tiefen des Unbewussten, dessen Erforschung man sich lange verbieten wollte. Aus den Tiefen der Materie, deren mystischen Abgrund bis in die Bereiche des nicht mehr Messbaren die Physik erforscht. Die Angst, Gott würde uns das verbieten und uns dafür strafen, verstellt Christen noch immer den Blick in die Tiefen der Schöpfung und die Herrlichkeit des Schöpfers. Nein, Gott wird uns nicht strafen für die Forschung – wir werden uns selbst bestrafen, wenn wir nicht dem Schöpfer die Ehre und den Lobpreis entgegenbringen, sondern die Natur dazu benützen, sie und uns auszubeuten und uns gegenseitig umzubringen.

Wir sollten die Angst vor dem Tod und erst recht die Angst vor dem Leben verlieren. Und das sollte auch der Sinn des Advent sein: Nicht passiv darauf zu warten, dass die Welt vergeht, dass Gott alles richten wird. Auch nicht spirituell abschalten, in der Haltung: alles nur fromme Legende – auch wenn es so scheinen mag. Sondern die Augen öffnen für das was geschieht und darin die Spuren, die Sprache Gottes suchen und hören. Was aber wirklich prasselnd vergehen soll, schmelzen und verschwinden, ist nicht die Schöpfung, denn die ist nach wie vor sehr gut. Es ist die falsche Welt, die wir schaffen durch Ungerechtigkeit, Habgier, Egoismus, Ausbeutung und und und. Die Kriege und Konflikte um Ideologien oder um Ressourcen, die wahnsinnige Ungerechtigkeit, die wie ein Krebs um sich frißt, indem jeder seine Taschen vollstopfen will mit dem was eigentlich allen gehört. Diese Welt muss und wird vergehen, vielleicht mit Krachen.

Er, der Herr, Jesus der Christus, wohnt doch zuinnerst in jedem Leben, auch in dem, das uns sinnlos oder zerstört erscheint. ER ist das einzige adäquate DU zu unserem leeren Herzen, und ER spricht durch Mitmenschen, durch die Natur, durch Ereignisse und Situationen – auch in Krankheit und Tod. Er ist die innerste Wirklichkeit allen Lebens und es gibt keinen Weg an ihm vorbei. Er ist da, bevor unsere Keimblätter im Uterus wachsen und er kennt unsere Gestalt und unsere Zukunft. Was für eine unfassbare Gnade, wenn wir den Heiligen und das Heilige im Laufe unseres Lebens kennen lernen und uns ihm verdanken dürfen.

Ein Warten auf ihn ohne ihn wird es so nicht geben. Wir selbst sind es, wir müssen unser Denken und Handeln verändern, wir können Ihm, Jesus Christus, in unserer Welt immer neu Gestalt und Wirklichkeit geben, durch Vertrauen, Hoffnung und Liebe, da wo wir gerade sind.

April 2017 (4. Sonntag n. Ostern)

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 10, 1 – 10)

In jener Zeit sprach Jesus:

Amen, amen, das sage ich euch:

Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt,
der ist ein Dieb und ein Räuber.

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

Ihm öffnet der Türhüter,
und die Schafe hören auf seine Stimme;
er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus,
und die Schafe folgen ihm;
denn sie kennen seine Stimme.

Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen,
weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.

Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.

Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber;
aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.

Ich bin die Tür;
wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.

Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben.

Betrachtung

Der Hirt und die Herde – einst ein selbstverständliches Bild für den Herrscher und sein Volk. Etwas länger lebte dieses Bild fort in der Kirche. Der Hirte, der Oberhirte, die Herde der Gläubigen, das konnte man lange gut annehmen. Es ist ja auch ein schönes Bild: Wir freuen uns jedes Mal, wenn wir im Jura einer Schafherde begegnen mit einem Hirten und seinem Schäferhund. Es rührt einen an. Die Schafe sind frei und glücklich, sie können jedes Hälmchen fressen. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, der Hund springt um sie herum. Sie werden geleitet und sind beschützt. Der Schäfer hat Sachverstand. Er sieht, wenn es einem Tier nicht gut geht, er hilft, wo es nötig ist. Auch die Landschaft freut sich: Unsere schönen Jurahänge sind auf die Schafherden angewiesen. Möge es lange Schafherden und -hirten geben.

Heute weiß nicht mehr jeder, wozu Schafe, Herden und Hirten gut sind. Griechischen Schafskäse kaufen wir im Supermarkt. Wolle finden wir industriell verarbeitet im Katalog der Bekleidungsindustrie. Und politisch gesehen hat das Bild völlig ausgedient. Wer will heute noch Schaf in einer Herde sein. Und einen, der als Hirte vorangeht, zu dem man aufsieht und dem man nachfolgt, wollen wir auch nicht unbedingt.

Oder doch? Ist das, was wir gegenwärtig als Rechtsruck erleben, nicht ein Zeichen von Sicherheitsbedürfnis? Ein Ruf nach einem Hirten und Führer? Wollen die Menschen Europas und Amerikas sich wieder als eine Herde erleben, die auf einen Hirten ausgerichtet ist, der ihnen Sicherheit und Geborgenheit garantiert? Es scheint zumindest die Hälfte der Bürger zu sein, die einen starken Präsidenten und eine starke Nation wollen, ob Trump in den USA, Erdogan in der Türkei, Putin in Russland – oder einen Ausstieg aus der europäischen Gemeinschaft und zurück zum Nationalstaat, zu beobachten in Britannien, Polen, Ungarn. Auch die Stärkung von Rechtspopulisten in Frankreich und Deutschland, die zurück zum Nationalstaat wollen, zum Einigen Vaterland.

War die Entwicklung seit den beiden Weltkriegen hin zu mehr Demokratie, Völkergemeinschaft und -freundschaft, zu gemeinsamen Handelsabkommen und grenzenübergreifenden Beziehungen in Bildung, Verkehr und Tourismus bis hin zu Schengen und der Aufhebung von Binnengrenzen usw. doch ein Irrweg? Hat man durch zuviel Öffnung die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen vergessen? Letztlich wird die Geschichtsforschung in 100 bis 200 Jahren mehr Aufschluss geben, denn wir sind jetzt von den Ereignissen überhäuft und unsere Wahrnehmung zu blockiert, um ein klare Sicht der Dinge entwickeln zu können.

Aber eines traue ich mich zu sagen: Was Jesus uns mit dem Bild von Hirt und Herde sagen will, entspricht keineswegs den Erwartungen unseres Sicherheitsbedürfnisses und könnte niemals das Vorbild hergeben für den Ruf nach einem politischen Führer. Man muss genau zuhören:

Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus“. Was das bedeutet, konnten wir zuvor in der Lesung aus der Apostelgeschichte feststellen. Da tritt der früher ängstliche und wankelmütige Mann Simon Petrus vor eine große Menschenmenge und wird von einem neuen Geist befeuert, der aus der Mitte seines Herzens kommt, das zugleich die Mitte des Auferstandenen ist. Ein Phänomen, das man theologisch fortan als „Heiliger Geist“ bezeichnet. Er ist bei seinem Namen gerufen, er ist nicht länger ein unbedeutender Teil einer Gemeinschaft, ein No Name, nicht länger ein Anonymus, er ist ein Herausgerufener, ein Geheilter, ein Geheiligter, ein Heiliger.

Das ist die Bedeutung unseres Hirtenwortes: Du bist gemeint, Du bist gerufen. Du höchst persönlich, ganz individuell, bist verantwortlich für die Gabe die ich dir gebe, für die Aufgabe, die daraus erwächst. Keine stumme und stumpfe Herde führt Jesus in die Weite hinaus, sondern er befreit uns und wir folgen ihm als Befreite. Aber warum noch folgen und nicht einfach hinausstürmen in die Weite? Weil die Freiheit wirklich sehr groß und unter Umständen Angst einflößend ist. Es gibt die Wölfe. Es gibt die falschen Hirten, die uns für ihre Zwecke missbrauchen, uns ausbeuten, mit falschen Verspechungen abhängig machen.

Zu Jesus kann man unbedingt Vertrauen haben. Er ist kein Schutzgelderpresser. Sein Stecken und Stab (Psam 23) stehen nicht für Gängelei, ängstliches Untertanentum. Es steht für wohlwollende Wegweisung, für Befreiung von unseren engen Grenzen und Befangenheiten. Wir selbst stehen uns ja immerfort im Wege mit unseren Ängsten, unserer Geringachtung bis Selbstverachtung und wir tun uns schwer unsere Freiheit zu begreifen, zu ergreifen. Wollen uns selbst dauernd einsperren und beschneiden. Dazu des Hirten Stecken und Stab.

Das ist gemeint mit der Führerschaft Jesu: Eben nicht als blinde und dumme Herde zwängt er uns ein in einen Pferch, sondern leitet uns hinaus in die Freiheit und ihre Weite. Und weil die Weite der Freiheit manchmal anstrengend ist, dürfen wir sozusagen bei Jesus auch kuscheln. Wir haben das Gebet, wir haben die Betrachtung seines Lebens, Wirkens und Redens, die Überlieferung, die Schrift, auch die Tradition. Die Rückbindung, die Religio – gerade bei uns Katholiken sehr ausgeprägt. Aber die Wirkung dieser Frömmigkeit, oder geistlichen Lebens oder wie wir es nennen wollen, kann nicht Rückzug in Selbstverleugnung und Selbstverneinung bedeuten. Kein Stillhalten und Sich verweigern. Keine Ignoranz gegenüber der Welt draußen. Der Hirte und Bischof unserer Seelen (2. Lesung, Petrus) öffnet uns den Blick und gibt uns die Handlungsfreiheit. Er hat unsere Blindheit, unsere Lähmung, unsere Verletzungen, unsere Resignation, unsere Depression, alle diese großen persönlichen und auch politischen und gesellschaftlichen Verwundungen mit seinem Leib auf das Kreuz getragen, damit wir tot seien für die Sünden, für die Schuld, für unser Versagen und künftig für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Dieses neue Leben, Auferstehungsleben, wird uns angeboten. Nicht einmalig, nicht nur in der Taufe, in jedem Hören, in jeder einfachen Hinwendung an Ihn erstehen wir auf, gehen wir ohne Angst hinaus und folgen unserem Ruf und erfüllen unsere Aufgabe.

Das kann nichts und niemand mehr verhindern. Darum keine Angst, auch wenn uns Terror und Hass und alles Leid und Elend erschüttern, das eigene wie das der anderen. Die Welt wird die Früchte der Ungerechtigkeit ernten, das ist so sicher wie die Gesetze der Gravitation. Aber wir stehen schon in der Zukunft einer erlösten Welt, in der Fülle des Lebens mitten unter den Dieben und den Schlächtern.

April 2017 (3. Sonntag n. Ostern)

Evangelium vom 3. Sonntag der Osterzeit:
Joh 21,1-14

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes:

In jener Zeit offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal.
Es war am See von Tiberias,
und er offenbarte sich in folgender Weise.
Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling),
Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus
und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.
Simon Petrus sagte zu ihnen:
Ich gehe fischen.
Sie sagten zu ihm:
Wir kommen auch mit.
Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot.
Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer.
Doch die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war.
Jesus sagte zu ihnen:
Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen?
Sie antworteten ihm:
Nein.
Er aber sagte zu ihnen:
Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus,
und ihr werdet etwas fangen.
Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen,
so voller Fische war es.
Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus:
Es ist der Herr!
Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei,
gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war,
und sprang in den See.
Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot –
sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt,
nur etwa zweihundert Ellen –
und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.
Als sie an Land gingen,
sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer
und darauf Fisch und Brot.
Jesus sagte zu ihnen:
Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.
Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land.
Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt,
und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht.
Jesus sagte zu ihnen:
Kommt her und eßt!
Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen:
Wer bist du?
Denn sie wußten, daß es der Herr war.
Jesus trat heran,
nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.
Dies war schon das dritte Mal,
daß Jesus sich den Jüngern offenbarte,
seit er von den Toten auferstanden war.

Betrachtung

Zuerst die große Leere, das Burn Out der Jünger, das Untertauchen, aus Angst vor Spitzelei und Verfolgung. Nichts mehr ist da von der Faszination der letzten Jahre, der Wanderschaft mit dem Meister, der Predigten und Heilungen, der mystischen Einblicke auf dem Berg Tabor, der Hoffnung auf den Triumph des Messias in Jeru­salem, alles war zunichte.

Obwohl sich Gerüchte verdichten, dass er noch lebt, es neue Zeichen gibt, die Hoff­nung bringen, haben sich die Jünger wieder dem Fischereialltag zugewandt. Was bleibt ihnen schon als die Rückkehr in die Arbeit, in die Normalität – zu dem, was sie gelernt hatten, bevor der Ruf ihres Freundes und Lehrers an sie erging. Und heute Nacht zeigt sich die Normalität als mühsam, erfolglos, frustrierend. Die Fi­sche gehen nicht ins Netz. Sie sind nicht da, wo sein sollten.

Ein Mann steht am Ufer und spricht sie an. Er will etwas zu essen. Dazu sind Fi­scher da: sie sollen Fisch liefern für die Leute. Sie haben zwar die ganze Nacht er­folglos gefischt – aber auf das Wort und den Rat dessen hin, den sie noch nicht er­kennen, nehmen sie es noch einmal auf sich, wider besseres Wissen. Der Fremde muss etwas Besonderes gehabt haben. Und kriegen so viel Fische in ihre Netze, dass das Boot unterzugehen droht.

Johannes erkennt Jesus zuerst. Dann erst öffnen sich auch Simon wieder die Au­gen. Und da ist sie wieder: die Wirklichkeit des Reiches Gottes, der Geist der Frei­heit, die Atmosphäre grenzenloser Liebe und Geborgenheit, die sie mit ihm zusam­men von Anfang an erfahren haben und in die hinein er sie berufen hatte. Sie er­kennen seine Zeichen wieder. Das Zeichen der Hochzeit zu Kana: bester Wein aus blankem Wasser. Das Zeichen des Jungen mit seinen fünf Fischen: Essen für Fünf­tausend. Das Zeichen des Lazarus: Sieg über den Tod.

Der Rat Jesu war ein Rat aus dem Reich Gottes, das über den Gesetzen der Welt steht. Nicht gegen die Gesetze. Nehmt die andere Seite, sagt er. Was heißt schon die andere Seite: Es ist dasselbe Boot, derselbe See mit denselben Fischen. Es sind dieselben Fischer, aber sie tun es auf das Wort Jesu hin und lassen dadurch die Realität des Einen, Heiligen, Ewigen erscheinen. Jede Erfahrung, jede Fachkenntnis sagt: Es hat keinen Wert, es funktioniert nicht. Aber sie handeln jetzt im Reich Got­tes, im Namen Gottes. Das ist der kleine aber entscheidende Unterschied.

Liebe Schwestern und Brüder, im jüdischen Denken gibt es keine Trennung zwischen unserer und der jenseitigen Welt. Wir sind nur nicht fähig, sie wahrzunehmen. Unsere Augen, alle unsere Sinne werden zurückgehalten, zurückgebogen, von der Schwerkraft des Todes. Mit der Bibel bzw. Paulus gesprochen: Der Tod ist der Sünde Sold. Über die­sen Ereignishorizont des Todes und der von ihm erzeugten Zeitlichkeit des Lebens können wir nicht hinausschauen. Wir sind Gefangene.

So sind die Gesetze der Welt aus unserer Sicht Gesetze der Vergänglichkeit, der Vergeblichkeit, der Null-Summen-Spiele. Wir erleben sie als ungerecht, wenn die Gewissenlosen erfolgreich sind und die Ehrlichen auf keinen grünen Zweig kom­men. Wenn die Fische nicht beißen, müssen wir eben aufhören. Wenn die Konzerne uns das Wasser abgraben um es dann in Plastikflaschen teuer zu verkaufen, kön­nen wir nichts machen. Wenn sie uns zwingen, genetisch verändertes Saatgut zu kaufen und gleich die passenden Substrate dazu und verhindern, dass wir eigenes Saatgut weiterpflegen, obwohl es besser und gesünder wäre, dann zucken wir mit den Achseln.

Allzuschnell finden wir uns ab damit, dass unseren Einflussmöglichkeiten Grenzen gesetzt sind. Wir verzweifeln daran, dass unsere Träume nicht wahr werden wollen. Das Leuchten schwindet dahin und wir werden grau und müde. Auch die Jünger Jesu waren gerade dabei, deprimiert ihren alten Alltag wieder aufzunehmen.

Dann steht ein Mann am Ufer und sagt: Werft die Netze auf der anderen Seite aus. Glaube an die Welt und ihre Qualität. Sie stammt vom Vater, von dem Schöpfer, der gesagt hat: Es ist alles sehr gut. Und Jesus geht mit Euch über Eure Felder und durch Eure Ställe, an Eure Arbeitsplätze und Höfe und Küchen oder fährt mit Euch zum Arbeitsplatz, in Lagerhallen, Werkstätten und Büros. Er würde auch mit in die Wolkenkratzer der Bankhäuser gehen, wenn man ihn reinließe. In seiner Begleitung sehen wir die Welt unter dem neuen Gesetz der Liebe und wir behandeln sie ent­sprechend. Glauben wir an seine Gegenwart, an seine Liebe unter uns. Glauben wir an uns selbst, an die Kraft der Liebe in unseren Herzen.

Dieser Glaube ist die Auferstehung. Wer ihn ergreift, ist mit Christus auferstanden.

Nachfolge Jesu: Das heißt, dasselbe Meer, dasselbe Boot, dieselben Fischer, diesel­ben Fische. Nach der Auferstehung ist die Welt dieselbe geblieben. Alltag, Erfolg und Erfolglosigkeit, Mühe, Stress, kurze Freude, Jugend und Alter. Wenn wir Glück haben, ohne Krieg, Mord und schlimmes Unglück. Und doch: Es gibt immer Licht in der Finsternis, es gibt Erkenntnis, es gibt zunehmende Vernunft in all dem Kampf und Streit. Es gibt Hoffnungen, es gibt Visionen, Veränderungen und Umschwünge zum Besseren.

153 lebende Fische bringen die Jünger an Land: In der jüdischen Zahlensymbolik die Zahl für gelungenes Leben, erfülltes Leben. Und zwar für ein Leben, das alle vorangegangenen Irrtümer und begangenen Sünden und Schulden überwunden und verwandelt hat. So wird auch Petrus im nächsten Abschnitt des Evangeliums Frieden mit sich und seinem Versagen finden.

Wir alle haben die Chance, die Resignation, die Melancholie ebenso wie den Wahn von Macht und Ausbeutung zu überwinden. Wir alle sind Fischer auf dem unruhigen See, in dieser anstrengenden, mühsamen Welt, unter den geplagten Mitmenschen am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der eigenen Familie. Trotz Stress, zeitli­cher Enge, trotz Hektik und Erschöpfung sind Augenblicke des Innehaltens und Zu­hörens, der freundlichen Geste, des absichtslosen Interesses möglich. Trotz Ein­schüchterung durch die Mächtigen, seien sie Präsidenten oder Konzernvorstände, trotz Terror und Angst sind besonnenes und selbstbewusstes Handeln möglich.

Es gibt Weggefährten, die Freunde werden. Man muss sie erkennen. Es gibt die Ge­meinschaft der Heiligen, hier und in der Welt, in die wir nicht schauen können, die uns stärkt und tröstet. Es gibt das gemeinsame Hören des Wortes, das gemeinsa­me Mahl. All das sind Leuchtzeichen der auferstandenen Welt.