Dezember 2017 (2. Sonntag im Advent)

Lesung vom zweiten Adventssonntag
2 Petr 3,8-14
Das eine, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen:
daß beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre
und tausend Jahre wie ein Tag sind.
Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung,
wie einige meinen, die von Verzögerung reden;
er ist nur geduldig mit euch,
weil er nicht will, daß jemand zugrunde geht,
sondern daß alle sich bekehren.
Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb.
Dann wird der Himmel prasselnd vergehen,
die Elemente werden verbrannt und aufgelöst,
die Erde und alles, was auf ihr ist, werden nicht mehr gefunden.
Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst:
wie heilig und fromm müßt ihr dann leben,
den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen!
An jenem Tag wird sich der Himmel im Feuer auflösen,
und die Elemente werden im Brand zerschmelzen.
Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß,
einen neuen Himmel und eine neue Erde,
in denen die Gerechtigkeit wohnt.

Evangelium vom zweiten Adventssonntag
Mk 1,1-8
Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: 
Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht:
Ich sende meinen Boten vor dir her;
er soll den Weg für dich bahnen.
Eine Stimme ruft in der Wüste:
Bereitet dem Herrn den Weg!
Ebnet ihm die Straßen!
So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf
und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.
Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus;
sie bekannten ihre Sünden
und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren
und einen ledernen Gürtel um seine Hüften,
und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.
Er verkündete:
Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich;
ich bin es nicht wert,
mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.
Ich habe euch nur mit Wasser getauft,
er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Betrachtung

Das Warten hatten die noch aus jüdischer Tradition kommenden Christen gelernt. Warten auf die Verheißungen des Mose, der sie aus der ägyptischen Sklaverei geführt hatte. Warten auf die Erlösung von den Assyrern, aus dem babylonischen Exil. Auch diese neue Sekte der Christen, die an Jeschua, den Wanderprediger und Wunderheiler aus Nazareth glaubt, den sie als den Messias erkannt hatte, wird auf die Probe gestellt.

Kein Deus ex machina erschien, den die Griechen damals in ihren Tragödien mechanisch und mit Getöse aus den Kulissen hervortreten ließen, wenn das Chaos, die Verwirrungen und Verwerfungen der Menschen unauflösbar waren. Die triumphale Wiederkehr des Christus in Macht und Herrlichkeit, das Ende der Verfolgungen und Demütigungen, die Offenbarung vor der Menschheit – noch zu ihren Lebzeiten – sie kam nicht. Die Jahre vergingen, die ersten starben und die Zweifel nahmen zu.

Das war schwer erträglich und der unerschütterliche Glaubens-Felsen Petrus musste in seinem Brief an die Gemeinde seinen eigenen Blick und den der Christen erweitern und es eröffnete sich ihnen die eschatologische Dimension, eine endzeitliche Vision von der Vollendung des Menschseins und der Welt.

Sie mussten hinaustreten aus den Kulissen des Zeitalters, welche die Menschen umgeben, so wie sie sich Pfingsten aus dem Saal hinauswagten vor die Menschenmenge:

Aus den Heilserwartungen einer national-diesseitigen Befreiung durch Wiederkehr eines heiligen Königs, der das neue Reich errichtet, wie Judentum und frühes Christentum sie noch hegten.

Auch aus den Kulissen einer schwarz-weißen Frömmigkeit, die Christus quasi herbei-zwingen will, durch heiligmäßiges und tadelloses Leben. Solche Entwicklungen vollzogen übrigens Judentum und Christentum durchaus parallell. Noch heute sind sich chassidische Juden sicher, dass der Messias sofort kommt, wenn alle nur einmal den Sabbat so feiern würden, wie das Gesetz es vorschreibt. Und noch bis in unsere Tage glauben evangelikale Christen ernsthaft, dass sie schon vor ihrem Tod in die Luft entrückt würden, Jesus entgegen, dass sie deshalb jeden Tag ohne Fehler und Sünde leben möchten, sozusagen leicht genug, um ihm entgegen rücken zu können.

Heute schauen wir auf 2000 Jahre christliche Heilserwartung und Heils-enttäuschung zurück. Nichts ist so geschehen wie erwartet und gewünscht. Wir haben viel gelernt, besser, wir könnten viel gelernt haben, wenn wir die Sprache Gottes im Diesseits, der Natur, der Evolution, der sozialen Evolution verstehen würden.

Wenn 1000 Jahre ein Tag sind, so wäre noch nicht viel Zeit vergangen. Und wir haben es heute selbst in der Hand, ob der Himmel prasselnd vergeht, die Elemente schmelzen, die Erde nicht mehr gefunden wird. Die Apokalypse lässt sich herbeiführen und für viele Völker und Personen ist die Apokalypse Erfahrung, in der Vergangenheit, heute und immer wieder. Es genügt, die Nachrichten anzusehen.

Liebe Schwestern und Brüder: So wie die Apokalypse ist aber auch das Reich Gottes nahe herbei gekommen. Auch ein neuer Himmel und eine neue Erde lassen sich herbeiführen, sind im irdischen Sinne möglich. Sie warten in jedem von uns auf ihre Verwirklichung. Tatsächlich ist das Reich Gottes inwendig in uns – aber – Geheimnis des Bösen – immer scheinen wir eher auf die Vernichtung zuzugehen. Muss tatsächlich die alte Schöpfung erst krachend vergehen, bevor ein neuer Himmel und ein neue Erde kommen, in der Gerechtigkeit wohnt?

Wir sollten aufatmen, weil erst 2000 Jahre vergangen sind und sich der Menschheit noch zahllose Chancen bieten können, aus der Welt einen Ort der Gerechtigkeit, des Lebens, des Friedens und nicht der Hölle und des Todes werden zu lassen.

Wieder fragen wir uns am 2. Advent: Was ist Gottes Plan? Er gibt uns zwar sein Wort, aber wir sind gefordert, es immer neu zu befragen, neu zu deuten, neu zu erforschen. Petrus hatte den Mut aufbringen müssen, die Sicht der Damaligen zu enttäuschen und zu erweitern. Der Ewige lässt sich nicht in unsere zeitgebundenen Vorstellungen packen. Und die Kulissen der Geschichte werden verschoben, immer wieder. In neuen Zeiten, Räumen und geschichtlichen Wirklichkeiten klingen die Worte der Heiligen Schriften immer wieder anders.

Das Christentum hatte sich in vergangen Jahrhunderten großen Herausforderungen zu stellen wie der Naturwissenschaft und deren Unabhängigkeit im Forschen und Lehren, die übrigens ein Kirchenvater, der Scholastiker Thomas von Aquin gefordert und begründet hat. Bis heute tun sich Vertreter des Christentums schwer mit der Evolution. Mit der Genforschung. Mit der Psychoanalyse. Manche sehen Angriffe auf christliche Lehrinhalte, Dogmen, auf Fundamente der christlichen Tradition.

Wer aber angstfrei, aus dem Wissen um die Heiligkeit und Unzerstörbarkeit des Lebens heraus denkt, beobachtet, mit-forscht und mit-staunt, der erfährt mit großer Dankbarkeit und Ehrfurcht immer neue Wunder der Schöpfung und erkennt heute mehr denn je die Natur als Sprache Gottes, in ihren gewaltigen bekannten und noch verborgenen Gesetzen, ihrer Schönheit und schöpferischen Vielgestaltigkeit. Das LEBEN, von dem die Schriften sprechen, platzt aus allen Nähten, ist omnipräsent, rauscht durch alle Adern und Nervenbahnen, in allen Zellen und Organen so wie in allen Bächen, Flüssen und Meeren, in Steinen, Pflanzen und Tieren. Es ist das Gesetz des Herrn, das ihnen allen die Dynamik gibt, das Woher und Wohin sagt, der Sinn und die Schönheit. Es wartet auf unser Amen und unser Handeln in seinem SINN.

Kommt uns nicht Christus, der Lebendige, aus all dem entgegen: Aus den Tiefen des Kosmos, dessen wahre Beschaffenheit die Kirche immer wieder nicht wahr haben wollte von Galilei bis Einstein. Aus den Tiefen des Unbewussten, dessen Erforschung man sich lange verbieten wollte. Aus den Tiefen der Materie, deren mystischen Abgrund bis in die Bereiche des nicht mehr Messbaren die Physik erforscht. Die Angst, Gott würde uns das verbieten und uns dafür strafen, verstellt Christen noch immer den Blick in die Tiefen der Schöpfung und die Herrlichkeit des Schöpfers. Nein, Gott wird uns nicht strafen für die Forschung – wir werden uns selbst bestrafen, wenn wir nicht dem Schöpfer die Ehre und den Lobpreis entgegenbringen, sondern die Natur dazu benützen, sie und uns auszubeuten und uns gegenseitig umzubringen.

Wir sollten die Angst vor dem Tod und erst recht die Angst vor dem Leben verlieren. Und das sollte auch der Sinn des Advent sein: Nicht passiv darauf zu warten, dass die Welt vergeht, dass Gott alles richten wird. Auch nicht spirituell abschalten, in der Haltung: alles nur fromme Legende – auch wenn es so scheinen mag. Sondern die Augen öffnen für das was geschieht und darin die Spuren, die Sprache Gottes suchen und hören. Was aber wirklich prasselnd vergehen soll, schmelzen und verschwinden, ist nicht die Schöpfung, denn die ist nach wie vor sehr gut. Es ist die falsche Welt, die wir schaffen durch Ungerechtigkeit, Habgier, Egoismus, Ausbeutung und und und. Die Kriege und Konflikte um Ideologien oder um Ressourcen, die wahnsinnige Ungerechtigkeit, die wie ein Krebs um sich frißt, indem jeder seine Taschen vollstopfen will mit dem was eigentlich allen gehört. Diese Welt muss und wird vergehen, vielleicht mit Krachen.

Er, der Herr, Jesus der Christus, wohnt doch zuinnerst in jedem Leben, auch in dem, das uns sinnlos oder zerstört erscheint. ER ist das einzige adäquate DU zu unserem leeren Herzen, und ER spricht durch Mitmenschen, durch die Natur, durch Ereignisse und Situationen – auch in Krankheit und Tod. Er ist die innerste Wirklichkeit allen Lebens und es gibt keinen Weg an ihm vorbei. Er ist da, bevor unsere Keimblätter im Uterus wachsen und er kennt unsere Gestalt und unsere Zukunft. Was für eine unfassbare Gnade, wenn wir den Heiligen und das Heilige im Laufe unseres Lebens kennen lernen und uns ihm verdanken dürfen.

Ein Warten auf ihn ohne ihn wird es so nicht geben. Wir selbst sind es, wir müssen unser Denken und Handeln verändern, wir können Ihm, Jesus Christus, in unserer Welt immer neu Gestalt und Wirklichkeit geben, durch Vertrauen, Hoffnung und Liebe, da wo wir gerade sind.

Veröffentlicht von

kuffersepp

Sepp Kuffer, geb. 1948. 1970 - 72 Mitglied der Land- und Musikkommune Lord's Family. Danach 36 Jahre im Pflegedienst tätig. Lebenslange künstlerische Tätigkeit als Maler/Grafiker, Musiker, Autor und Filmemacher. "Es gibt nur eine Energie, die uns helfen und heilen, kreativ schaffen und den Alltag und die Welt und unsere Beziehungen gestalten lässt. Es ist der Hauch aus dem Mund Gottes, der Geist, oder wie immer wir die Präsenz Gottes in seiner Welt nennen wollen"

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .