April 2017 (4. Sonntag n. Ostern)

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 10, 1 – 10)

In jener Zeit sprach Jesus:

Amen, amen, das sage ich euch:

Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt,
der ist ein Dieb und ein Räuber.

Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

Ihm öffnet der Türhüter,
und die Schafe hören auf seine Stimme;
er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus,
und die Schafe folgen ihm;
denn sie kennen seine Stimme.

Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen,
weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.

Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.

Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber;
aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.

Ich bin die Tür;
wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.

Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben.

Betrachtung

Der Hirt und die Herde – einst ein selbstverständliches Bild für den Herrscher und sein Volk. Etwas länger lebte dieses Bild fort in der Kirche. Der Hirte, der Oberhirte, die Herde der Gläubigen, das konnte man lange gut annehmen. Es ist ja auch ein schönes Bild: Wir freuen uns jedes Mal, wenn wir im Jura einer Schafherde begegnen mit einem Hirten und seinem Schäferhund. Es rührt einen an. Die Schafe sind frei und glücklich, sie können jedes Hälmchen fressen. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, der Hund springt um sie herum. Sie werden geleitet und sind beschützt. Der Schäfer hat Sachverstand. Er sieht, wenn es einem Tier nicht gut geht, er hilft, wo es nötig ist. Auch die Landschaft freut sich: Unsere schönen Jurahänge sind auf die Schafherden angewiesen. Möge es lange Schafherden und -hirten geben.

Heute weiß nicht mehr jeder, wozu Schafe, Herden und Hirten gut sind. Griechischen Schafskäse kaufen wir im Supermarkt. Wolle finden wir industriell verarbeitet im Katalog der Bekleidungsindustrie. Und politisch gesehen hat das Bild völlig ausgedient. Wer will heute noch Schaf in einer Herde sein. Und einen, der als Hirte vorangeht, zu dem man aufsieht und dem man nachfolgt, wollen wir auch nicht unbedingt.

Oder doch? Ist das, was wir gegenwärtig als Rechtsruck erleben, nicht ein Zeichen von Sicherheitsbedürfnis? Ein Ruf nach einem Hirten und Führer? Wollen die Menschen Europas und Amerikas sich wieder als eine Herde erleben, die auf einen Hirten ausgerichtet ist, der ihnen Sicherheit und Geborgenheit garantiert? Es scheint zumindest die Hälfte der Bürger zu sein, die einen starken Präsidenten und eine starke Nation wollen, ob Trump in den USA, Erdogan in der Türkei, Putin in Russland – oder einen Ausstieg aus der europäischen Gemeinschaft und zurück zum Nationalstaat, zu beobachten in Britannien, Polen, Ungarn. Auch die Stärkung von Rechtspopulisten in Frankreich und Deutschland, die zurück zum Nationalstaat wollen, zum Einigen Vaterland.

War die Entwicklung seit den beiden Weltkriegen hin zu mehr Demokratie, Völkergemeinschaft und -freundschaft, zu gemeinsamen Handelsabkommen und grenzenübergreifenden Beziehungen in Bildung, Verkehr und Tourismus bis hin zu Schengen und der Aufhebung von Binnengrenzen usw. doch ein Irrweg? Hat man durch zuviel Öffnung die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen vergessen? Letztlich wird die Geschichtsforschung in 100 bis 200 Jahren mehr Aufschluss geben, denn wir sind jetzt von den Ereignissen überhäuft und unsere Wahrnehmung zu blockiert, um ein klare Sicht der Dinge entwickeln zu können.

Aber eines traue ich mich zu sagen: Was Jesus uns mit dem Bild von Hirt und Herde sagen will, entspricht keineswegs den Erwartungen unseres Sicherheitsbedürfnisses und könnte niemals das Vorbild hergeben für den Ruf nach einem politischen Führer. Man muss genau zuhören:

Er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus“. Was das bedeutet, konnten wir zuvor in der Lesung aus der Apostelgeschichte feststellen. Da tritt der früher ängstliche und wankelmütige Mann Simon Petrus vor eine große Menschenmenge und wird von einem neuen Geist befeuert, der aus der Mitte seines Herzens kommt, das zugleich die Mitte des Auferstandenen ist. Ein Phänomen, das man theologisch fortan als „Heiliger Geist“ bezeichnet. Er ist bei seinem Namen gerufen, er ist nicht länger ein unbedeutender Teil einer Gemeinschaft, ein No Name, nicht länger ein Anonymus, er ist ein Herausgerufener, ein Geheilter, ein Geheiligter, ein Heiliger.

Das ist die Bedeutung unseres Hirtenwortes: Du bist gemeint, Du bist gerufen. Du höchst persönlich, ganz individuell, bist verantwortlich für die Gabe die ich dir gebe, für die Aufgabe, die daraus erwächst. Keine stumme und stumpfe Herde führt Jesus in die Weite hinaus, sondern er befreit uns und wir folgen ihm als Befreite. Aber warum noch folgen und nicht einfach hinausstürmen in die Weite? Weil die Freiheit wirklich sehr groß und unter Umständen Angst einflößend ist. Es gibt die Wölfe. Es gibt die falschen Hirten, die uns für ihre Zwecke missbrauchen, uns ausbeuten, mit falschen Verspechungen abhängig machen.

Zu Jesus kann man unbedingt Vertrauen haben. Er ist kein Schutzgelderpresser. Sein Stecken und Stab (Psam 23) stehen nicht für Gängelei, ängstliches Untertanentum. Es steht für wohlwollende Wegweisung, für Befreiung von unseren engen Grenzen und Befangenheiten. Wir selbst stehen uns ja immerfort im Wege mit unseren Ängsten, unserer Geringachtung bis Selbstverachtung und wir tun uns schwer unsere Freiheit zu begreifen, zu ergreifen. Wollen uns selbst dauernd einsperren und beschneiden. Dazu des Hirten Stecken und Stab.

Das ist gemeint mit der Führerschaft Jesu: Eben nicht als blinde und dumme Herde zwängt er uns ein in einen Pferch, sondern leitet uns hinaus in die Freiheit und ihre Weite. Und weil die Weite der Freiheit manchmal anstrengend ist, dürfen wir sozusagen bei Jesus auch kuscheln. Wir haben das Gebet, wir haben die Betrachtung seines Lebens, Wirkens und Redens, die Überlieferung, die Schrift, auch die Tradition. Die Rückbindung, die Religio – gerade bei uns Katholiken sehr ausgeprägt. Aber die Wirkung dieser Frömmigkeit, oder geistlichen Lebens oder wie wir es nennen wollen, kann nicht Rückzug in Selbstverleugnung und Selbstverneinung bedeuten. Kein Stillhalten und Sich verweigern. Keine Ignoranz gegenüber der Welt draußen. Der Hirte und Bischof unserer Seelen (2. Lesung, Petrus) öffnet uns den Blick und gibt uns die Handlungsfreiheit. Er hat unsere Blindheit, unsere Lähmung, unsere Verletzungen, unsere Resignation, unsere Depression, alle diese großen persönlichen und auch politischen und gesellschaftlichen Verwundungen mit seinem Leib auf das Kreuz getragen, damit wir tot seien für die Sünden, für die Schuld, für unser Versagen und künftig für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Dieses neue Leben, Auferstehungsleben, wird uns angeboten. Nicht einmalig, nicht nur in der Taufe, in jedem Hören, in jeder einfachen Hinwendung an Ihn erstehen wir auf, gehen wir ohne Angst hinaus und folgen unserem Ruf und erfüllen unsere Aufgabe.

Das kann nichts und niemand mehr verhindern. Darum keine Angst, auch wenn uns Terror und Hass und alles Leid und Elend erschüttern, das eigene wie das der anderen. Die Welt wird die Früchte der Ungerechtigkeit ernten, das ist so sicher wie die Gesetze der Gravitation. Aber wir stehen schon in der Zukunft einer erlösten Welt, in der Fülle des Lebens mitten unter den Dieben und den Schlächtern.

Veröffentlicht von

kuffersepp

Sepp Kuffer, geb. 1948. 1970 - 72 Mitglied der Land- und Musikkommune Lord's Family. Danach 36 Jahre im Pflegedienst tätig. Lebenslange künstlerische Tätigkeit als Maler/Grafiker, Musiker, Autor und Filmemacher. "Es gibt nur eine Energie, die uns helfen und heilen, kreativ schaffen und den Alltag und die Welt und unsere Beziehungen gestalten lässt. Es ist der Hauch aus dem Mund Gottes, der Geist, oder wie immer wir die Präsenz Gottes in seiner Welt nennen wollen"

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